Liebe Kolleginnen und Kollegen,
im Rahmen unserer Kooperation mit W&V war ich gestern bei der W&V Connect im House of Communication in München. In einem sehr konzentrierten Setting mit rund 100 Entscheider:innen aus Marketing, Medien und Unternehmen ging es weniger um „neue Buzzwords“, sondern um sehr grundlegende Fragen: Wie bleiben Marken in einem Umfeld aus Effizienzdruck, KI, Performance-Fixierung und gesellschaftlicher Polarisierung überhaupt noch relevant? Welche Rolle spielen Marke, Kreativität, Organisation und Führung – und was bedeutet das konkret für die nächsten Jahre?
Besonders eindrücklich waren für mich zwei inhaltliche Blöcke:
- Die Keynote von Max Schöngen, der mit „UN-ROUTINE“ ein klares Führungsprinzip für moderne CMOs und Vorstände formuliert.
- Ein hochkarätig besetztes Panel mit Jennifer Treiber-Ruckenbrod (MINI), Mario Bertsch (EDEKA) und Esther Busch (Mediaplus / House of Communication), das wie ein Seismograf für „Deutschland 2026″ wirkte.
Die wichtigsten Thesen und Ableitungen für unsere eigene Arbeit habe ich im Folgenden kurz zusammengefasst.
1. Keynote: „UN‑ROUTINE – Warum Innehalten heute der wichtigste KPI ist“
Referent: Max Schöngen
Diagnose von Max Schöngen: Marketing ist hochgradig messbar – aber inhaltlich austauschbar
- Studienlage laut Schöngen:
- 60 % der Werbung erzeugt keine Emotion.
- Nur 38 % der Werbung wird korrekt einer Marke zugeordnet.
- Paradox:
- Marketing war nie so datengetrieben und messbar.
- Werbung war gleichzeitig selten so ähnlich und austauschbar.
- Folge laut Schöngen:
- Marken optimieren sich mit denselben „Best Practices“ gegenseitig in die Bedeutungslosigkeit.
Zentrale Thesen von Schöngen
1. Routine ist gefährlicher als Fehler
- Problem sind nicht einzelne Fehlentscheidungen, sondern Entscheidungsroutinen („So machen wir das immer“).
- Beispiel: 85 % globaler Digitalbudgets in Performance-/Programmatic-Kanälen – sehr gut zum Ernten vorhandener Nachfrage, sehr schlecht zur Schaffung neuer Nachfrage.
2. Best Practices als Differenzierungs-Killer
- Rund ¾ der CMOs orientieren sich an Best Practices, gleichzeitig klagen ähnlich viele über mangelnde Differenzierung.
- Schöngen: „Wir treffen nicht unbedingt falsche Entscheidungen, sondern zu ähnliche.“
3. Mehr Marke, mehr Kreativität, mehr Mut
- Marken, die überproportional in Marke investieren (Apple, Nike, Coca-Cola etc.), wachsen überdurchschnittlich.
- Ca. 50 % des Kampagnenerfolgs hängen an kreativer Qualität, nicht am Feintuning der Media.
- Emotional starke Kampagnen sorgen laut Schöngen für:
- ca. 2x mehr Markenwachstum,
- deutlich höhere Preisresilienz,
- massiv höhere Wahrscheinlichkeit für langfristiges Wachstum.
4. UN‑ROUTINE als Führungsprinzip
- CMOs und Management sollten als „professionelle Entscheidungsunterbrecher“ agieren.
- Daten werden nicht verworfen, aber Routinen werden bewusst durchbrochen, bevor entschieden wird.
- Instrumente laut Schöngen:
- Gegenteil-Heuristik: vor wichtigen Entscheidungen Option B (das Gegenteil) aktiv mitdenken.
- Deliberate Pauses: kurze, bewusste Pausen vor großen Budget-/Strategieentscheidungen.
- Strukturen für Mut: Challenger-Budgets (10–15 %), kreative Risiken als KPI, getrennte KPIs für Brand vs. Performance.
Kernaussage von Max Schöngen für Vorstände und CMOs:
- Routine ist gefährlicher als Fehler.
- Performance optimiert – Kreativität differenziert.
- UN‑Routine ist Chefsache: Sie muss im Boardroom initiiert und geschützt werden, nicht im Kreativmeeting.
2. Panel „Seismograf Deutschland 2026“ – Was Marken jetzt konkret daraus machen können
Panel-Teilnehmer:innen:
- Jennifer Treiber-Ruckenbrod, MINI
- Mario Bertsch, EDEKA
- Esther Busch, Mediaplus / House of Communication
2.1 Innovation & Organisation
Jennifer Treiber-Ruckenbrod (MINI)
- Innovationslogik: „Innovation → Marke → Sales“ – nicht umgekehrt.
- Definition von Innovation:
- Muss spürbaren Kundennutzen bringen (Zeitersparnis, Komfort, Sicherheit, Vereinfachung).
- Muss sich in KPIs (Marke, Leads, Absatz) niederschlagen.
- Vorgehen bei MINI:
- Internes Innovations-Radar zur systematischen Bewertung von Ideen.
- Team als Ideenkern: „Ihr seid das Herzstück der Marke, nicht nur die Agentur.“
- Interner Pitch-Prozess mit Budgettopf für Piloten.
- Wichtiges Statement: Incentive ist nicht die Prämie, sondern das eigene Projekt wirklich umsetzen zu dürfen.
Mario Bertsch (EDEKA)
- Struktur: Viele selbstständige Kaufleute als „Unternehmer im Unternehmen“.
- Zwei Prinzipien, die Bertsch betont:
- „Innovationsfreundlichkeit statt Innovationsfeindlichkeit“.
- „Ideen müssen von denen umgesetzt werden, die sie haben.“
- Umsetzung:
- Viele kleine Tests in Märkten und Regionen, Fehlschläge sind einkalkuliert.
Esther Busch (Mediaplus / House of Communication)
- Aussage: Innovation beginnt bei Leadership und Kultur, nicht bei Tools.
- Beispiel: „Creative Collective“
- Mitarbeiter:innen aus allen Agenturen, die Lust auf Innovation haben.
- 30 % ihrer Arbeitszeit sind für dieses Collective reserviert.
- Entwicklung kreativer Media-Ideen, die über eine eigene Sales-Struktur kalt beim Kunden gepitcht werden.
- Media-Menschen werden im Vertrieb geschult – Erfolgserlebnisse durch direkten Kundenzuspruch.
Gemeinsames Take-away der drei:
- Innovation braucht Zeitfenster, Ownership, Struktur (Pitches, Pilottöpfe, KPIs) und Führung, die Fehler nicht bestraft, sondern erwartet und nutzt.
2.2 Zusammenarbeit: Produkt, Marke & Agenturen verzahnen
Jennifer Treiber-Ruckenbrod (MINI)
- Beispiel: „Mini Factory“
- Alle Agenturen (Experiential, Strategie, CI, Kreation etc.) sitzen an einem Tisch.
- Ziel: eine beste Idee pro Briefing – statt Agenturen gegeneinander pitchen zu lassen.
- Lernkurve: Man musste aktiv daran arbeiten, dass sich Agenturen gegenseitig offen kritisieren.
Esther Busch (Mediaplus / HOC)
- Beobachtung aus der Praxis:
- Marken, die seit 2019 gegen den Trend wachsen, haben fast immer:
- Enge Verzahnung von Produktentwicklung, Marketing, Media und Kreation – intern und mit den Agenturen.
- Marken, die seit 2019 gegen den Trend wachsen, haben fast immer:
- Empfehlung von Busch:
- Kundenseite sollte Agenturen zwingen, zusammenzuarbeiten.
- Schon im Pitch Media und Kreation gemeinsam briefen.
Take-away:
- Verzahnung von Produkt, Marke, Media & Kreation ist ein klarer Wachstumsfaktor – Silos sind ein Bremsklotz.
2.3 Gesellschaftliche Trends: Gesundheit, „Cozy Economy“ & reale Begegnungen
Mario Bertsch (EDEKA)
- Daten & Beobachtungen:
- Bio-Anteil in DE gesamt ca. 7 %, bei Fleisch ca. 5 %.
- Bierkonsum in 10 Jahren >20 % rückläufig, Sekt/Prosecco/Champagner wachsen.
- 82 % Fleischkonsum = Schwein, überwiegend Haltungsstufe 1 & 2.
- Interpretation von Bertsch:
- Kein reiner Verzichtstrend, aber deutliche Verschiebung im Konsumverhalten.
- Langfristige These: Vegan/Vegetarisch setzt sich durch – langsam, aber stetig.
Jennifer Treiber-Ruckenbrod (MINI)
- Einschätzung: „Gesundes Leben“ (Health & Longevity) wird zum übergeordneten Megatrend.
- Nachhaltigkeit bleibt wichtig, ist aber eher Teil von „Healthy Living“ als singuläres Hero-Thema.
Esther Busch (Mediaplus / HOC)
- Begriff „Cozy Economy“:
- Menschen suchen reale Begegnungen, Gemeinschaft, Hobbys, Buchclubs, Handarbeiten usw.
- Ursache: Überforderung und Verunsicherung durch Social Media.
- Beispiele:
- Karneval als extremes Beispiel für Zugehörigkeit und Identität – mittlerweile sogar im Sommer.
Gemeinsame Botschaft:
- Reale Erlebnisse und Gemeinschaftsangebote sind ein zentraler Hebel für Markenpositionierung 2026.
2.4 KI & Automatisierung
Esther Busch (Media / HOC)
- Einschätzung: 2026 ist ein „Make-or-Break“-Jahr für KI in Media.
- Wer KI ernsthaft implementiert, hebt Effizienzpotenziale; wer es ignoriert, verliert.
- Busch betont:
- Bis zu >30 % der Prozesse sind realistisch automatisierbar.
- Jobs verschwinden nicht einfach, aber Profile verändern sich stark.
- Aufgabe der Führung: Mitarbeiter mitnehmen, neue Rollen definieren und Fehler zulassen.
Jennifer Treiber-Ruckenbrod (MINI)
- Rolle der KI in der Strategie:
- KI kann Strategien vorbereiten, Daten verknüpfen, Muster aufzeigen.
- Der Markenkern und die finale Relevanzentscheidung müssen vom Menschen kommen.
- Konkretes Beispiel:
- Performance-Vergleiche über Märkte hinweg, die früher extrem komplex waren, können heute von KI deutlich beschleunigt werden.
Mario Bertsch (EDEKA)
- Einordnung:
- Jede industrielle Revolution hat Arbeit verändert, nicht abgeschafft.
- Empfehlung von Bertsch: KI konsequent integrieren, sonst droht ein struktureller Wettbewerbsnachteil.
- Chancen:
- Neue Rollen wie Prompt-Experten, Nachhaltigkeits-Optimierer, Innovationsrollen in der Produktion.
Gemeinsame Kernaussage:
- KI ist Pflicht, um Effizienz und Präzision zu erreichen.
- „Sensation“, Differenzierung und echte Innovation bleiben menschliche Aufgaben.
2.5 Polarisierung & Social Media
Mario Bertsch (EDEKA)
- Warnung:
- Verallgemeinerungen wie „die Menschen“ seien gefährlich – Unterschiede zwischen Regionen und Milieus sind enorm.
- Zur Polarisierung:
- Social Media ist nicht die Realität, verstärkt aber Tendenzen.
- Shitstorms sollten als Lernsignal verstanden werden: „Hier stimmt etwas nicht.“
Esther Busch (Mediaplus / HOC)
- Haltung von Unternehmen:
- Jedes Unternehmen braucht eine klare, intrinsische Haltung – nicht nur für Kampagnen.
- Community Management:
- Sprachkompetenz, Deeskalation und Psychologie werden essenziell.
- Falsche Reaktion im Kommentar kann sofort eskalieren.
- Wunschbild:
- Mehr konstruktiver Streit, weniger Empfindlichkeit und weniger „Wattebausch-Kommunikation“.
Jennifer Treiber-Ruckenbrod (MINI)
- Vorteil der Gegenwart:
- Marken bekommen unmittelbares Feedback und können daraus lernen.
- Verantwortung steigt, aber auch die Chance, sich glaubwürdig weiterzuentwickeln.
3. Konzentrierte Learnings
- Marke & Kreativität strategisch schützen
(Schöngen, Busch, Treiber-Ruckenbrod)- Brand-Budget ist kein Restposten, sondern Grundlage für Wachstum und Preisstärke.
- Kreative Qualität und Mut müssen explizit gemanagt und gemessen werden.
- UN‑Routine als Führungsprinzip verankern
(Schöngen)- Entscheidungsroutinen bewusst durchbrechen (Gegenteil-Heuristik, deliberate pauses, Challenger-Budgets).
- CMO und Vorstand als „professionelle Entscheidungsunterbrecher“ verstehen.
- Organisation für Innovation & KI befähigen
(Treiber-Ruckenbrod, Bertsch, Busch)- Strukturiertes Innovations-Setup mit Zeitfenstern, Ownership und Pilottöpfen.
- KI gezielt zur Effizienzsteigerung einsetzen, Menschen auf neue Rollen vorbereiten.
- Gesellschaftliche Trends ernst nehmen: Health & reale Begegnung
(Bertsch, Treiber-Ruckenbrod, Busch)- Health & Wellbeing als langfristigen Treiber in Produkt- und Kommunikationsstrategie integrieren.
- Reale, identitätsstiftende Markenerlebnisse schaffen und erst danach digital verlängern.
Euer Alexander Wunschel








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