Staat und Unternehmen im globalen Wettbewerb: Deutschland im Wandel

Datum: 28.11.2008 / 19:30 - 21:00 Uhr
Referent: Prof. Dr. h. c. Roland Berger
Moderation: Prof. Dr. Erwin Seitz
Teilnehmer: Mitglieder
Ort / Anfahrt: IHK Akademie, Orleanstr. 10 - 12, 81699 München

Wohin geht die deutsche Wirtschaft und wie können Unternehmen und Staat gemeinsam an einer erfolgreichen wirtschaftlichen Zukunft arbeiten? In einem spannenden Vortrag vermittelte Prof. Dr. h.c. Roland Berger am 28.11.08 den Mitglieder des Marketing-Club München seine Erkenntnisse und Prognosen. Er lieferte uns interessante Details und Hintergründe zu einer gesunden, wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands in den letzten Jahren sowie den Ursachen und Auswirkungen der derzeitigen Finanzkrise. Die Wirtschaft in unserem Land ist in den letzten zwei bis drei Jahren stark gewachsen und hat sich ihren Platz an der Weltspitze gesichert. Das hat mehre Gründe. Was das unternehmerische Innovationspotenzial angeht, liegen wir beispielsweise auf Platz 1 vor Schweden und Japan. Zusätzlich haben die Rot-Grünen-Reformen (Agenda 2010, Riesterrente, Praxisgebühr, etc.) unter Gerhard Schröder, nach Bergers Erkenntnis, Deutschlands internationale Wettbewerbsfähigkeit deutlich gesteigert.

Deutsche Unternehmen konnten von den Prozessen der Globalisierung, wie etwa, dem Aufschwung der Schwellenländer, neuen Märkten, etc., entscheidend profitieren. Gerade der erfolgreiche, globale Wettbewerb macht deutsche Unternehmen für ausländische Investoren interessant. 2007 waren wir damit nach einem Exportwachstum von 8,5% Güter-Export-weltmeister. Erfreulicher Nebeneffekt der positiven gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, war der Rückgang der Arbeitslosigkeit von 2005 mit 5,3 Mio Menschen auf 3,4 Mio im Dezember 2007. Dadurch konnten die Kosten im Bundeshaushalt von 92 Mrd. Euro (2004) drastisch um 24 Mrd. Euro im vergangenen Jahr gesenkt werden. Im Zuge des Aufschwungs stiegen die Steuereinnahmen von 2005 bis 2007 um 3,2 Mrd. Euro auf 26,2 Mrd. Euro. Wohingegen die Nettokreditaufnahme des Bundes nur sehr langsam sank und bis dato noch immer kein wirksames Verbot für Neuverschuldungen festgelegt wurde. Allgemein ist zu beobachten, dass Deutschlands hohe Staatsquote seit dem Jahr 2000 bis heute von 47,6 % des BIP auf 43,9% sank.

Wie konnte es überhaupt zu unserer aktuellen Finanzkrise kommen? Die Ursachen und Chancen erläuterte uns Roland Berger im Verlauf des Vortrags noch genauer.

Die aktuelle Welt-Finanzkrise beeinflusst massiv die globale Realwirtschaft, wovon auch Deutschland, als stark exportorientierte Volkswirtschaft, stark betroffen ist. Mit den wachsenden Auswirkungen der Krise, wie beispielsweise drohenden Arbeitsplatz- und Vermögensverlusten, schwindet auch zunehmend das Vertrauen der Menschen in die Marktwirtschaft. Glaubt man den Prognosen der US-amerikanischen Weltbankgruppe, so beträgt das Wachstum der Weltwirtschaft 2009 nur noch 1%, was der ersten, globalen Rezession (BIP-Wachstum < 3%) seit dem 2. Weltkrieg entspräche!

Weitere, langfristige Konsequenzen der reduzierten Nachfrage und des sinkenden Strukturwandels, sind Kapazitätsanpassungen, Investitionsrücknahmen und Kurzarbeit. Vorübergehende Staatshilfen helfen nur scheinbar aus der Krise und verzögern den Strukturwandel. Deutschlands hohe Exportquote macht sich erstmals negativ bemerkbar und verursacht bei fast allen Industriebranchen schwere Auftragseinbrüche.

In unserem Land sinkt die Konsumneigung spürbar. Viele Menschen stellen sich auf schlechtere Zeiten ein und legen ihr Geld lieber auf die hohe Kante. Die allgemeine Verunsicherung und Sparmentalität wird durch die hohen Energie- und Lebensmittelpreise sowie erste Entlassungen zusätzlich verstärkt.

Für Deutschland würde ebenfalls eine sinkende Wachstumsprognose gelten, woraus auch ein Anstieg der Arbeitslosigkeit resultieren kann. Durch die aktuelle Finanzkrise treten strukturelle und wirtschaftspolitische Versäumnisse der vergangenen Jahre und Bundes-regierungen wieder hervor, meint Roland Berger. Und das, obwohl unsere Volkswirtschaft (Agenda 2010), sowie deutsche Unternehmen heute wettbewerbsfähiger als vor dem letzten Abschwung sind.

Mit Sonderfonds und einem geschätzten Aufwand von rund 400 Mrd. Euro wird die Finanzwirtschaft gestärkt. Daraus resultierende staatliche (Bank-) Beteiligungen müssten allerdings nach Krise zügig verkauft werden.

Mittelfristig ist für mittelständische Unternehmen die Förderung der unternehmensinternen Forschung und Entwicklung durch steuerliche Anreize wichtig. Denn obwohl die Bundesrepublik Exportweltmeister ist, liefert sie nur einen geringen Teil an High-Tech-Gütern ins Ausland. Zum Vergleich: Der Export-Anteil von High-Tech-Produkten Großbritanniens, betrug 2006 33,64 %. Deutschland liegt mit 16,65 % nur an 6. Stelle, hinter USA und Japan.

Möglichkeiten, der deutschen Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen, gibt es einige. Dazu gehören beispielsweise: Steuersenkungen, Konsolidierung des Bundeshaushalts, Abbau von unnötigen Subventionen, Investition in unser Bildungssystem, sowie die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts.

Die Dauer und Tiefe der Finanzkrise sind noch nicht vorhersehbar. Laut Roland Berger ist Panik jedoch fehl am Platz. Die Krise wird bis spätestens 2011 ausgestanden sein. Deutsche Unternehmen sind wettbewerbsfähig und können die Krise als Chance zu nutzen.

Zusammenfassend kann man sagen, das Deutschland trotz der nötigen Staatsinvestitionen wieder rasch zur seiner angebotsorientierten, sozialen Marktwirtschaft zurückkehren muss. Dabei sollte es oberstes Ziel sein, das Vertrauen der Bürger in die soziale Marktwirtschaft zurück zu gewinnen.

Im Anschluss überreichte Clubpräsident Prof. Dr. Erwin Seitz einen Scheck über 500.- Euro für die Roland Berger Stiftung.

Suzanne Bubolz


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