Der Fall der Mauer und die Mauer in den Köpfen

Datum: 18.10.2010 / 19:00 - 21:00 Uhr
Referent: Prof. Dr. Jürgen Falter / Universität Mainz
Moderation: Dr. Claudia Schlembach
Teilnehmer: Mitglieder und Gäste
Ort / Anfahrt: Hanns Seidel Stiftung, Lazarettstr. 33, München

„Der Fall der Mauer und die Mauer in die Köpfen“ – 20 Jahre nach der Deutschen Einheit, 20 Jahre nach dem Symbol der Teilung von West und Ost in Deutschland, scheint es Zeit zu fragen: Ist die Wiedervereinigung als Projekt abgeschlossen, oder hat sich die Spaltung in den Köpfen, haben sich die Ressentiments sogar noch eher vertieft? Da gibt es viel Alltagserfahrung, die in jedem von uns spricht, aber es gibt wenig empirisch fundierte Aussagen, die Einstellungsveränderungen am Beispiel einer unveränderten Gruppe von Befragten messen.

Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Jürgen Falter, Universität Mainz kann dieses Material liefern und er hat das am 18. Oktober im Konferenzzentrum München sehr eindringlich und rhetorisch überzeugend präsentiert. Eingeladen hatte die Hanns-Seidel-Stiftung zusammen mit dem Marketing-Club München.

„Das Thema Deutsche Einheit“, so Wilfried Scharnagl, Vorstandsmitglied der Hanns-Seidel-Stiftung, bei seiner Begrüßungsrede, war und ist der Hanns-Seidel-Stiftung schon immer ein großes Anliegen.“ Vor allem in diesem Jubiläumsjahr organisierte die Stiftung zahlreiche Veranstaltungen, die rückblickend und vorausschauend gleichermaßen wirkten. Dass es Veränderungen gab in den letzten zwanzig Jahren ist unbestritten. Sogar die Zielgruppe der sog. „DDR-Nostalgiker“ wurde vor kurzem aus dem Repertoire der sog. Sinus-Milieus, die Menschen in ihren Lebensumständen beschreiben, gestrichen, betonte Prof. Dr. Seitz, Präsident des Marketing-Club München bei seiner Begrüßung.

In der sehr differenzierten Betrachtungsweise, die den anschließenden Vortrag von Prof. Falter kennzeichnete, mochte das Ende der „Ostalgie“ nicht ganz durchgehen, zu deutlich sind an einigen relevanten Parameter der politischen Kultur die Unterschiede zwischen Ost und West. Entwicklungsgeschichtlich ist das aber konsequent, weil die Menschen in den östlichen Ländern Deutschlands auch nach 20 Jahren noch ein deutliches „Defizit an positiven Erfahrungen mit dem System des Westens“ haben, so Falter. Während sich im Westen ein Vertrauenspuffer aufbauen konnte, der ein breites Set der Vorteile von Demokratie umfasst, eine Einsicht, dass Demokratie ein Gesamtpaket ist und nicht scheitern muss, wenn ein einzelner Pfeiler wackelt, kann der Osten nur auf wenige Pfeiler setzen.

Und: „Je weniger ausgeprägt das Vertrauen in die Demokratie, desto kritischer die Beurteilung von Politikern“, so ein wesentliches Fazit Falters. Das bedeutet im Umkehrschluss: Politische Bildung, wie sie die Hanns-Seidel-Stiftung konsequent betreibt, ist eine stabilisierende und vertrauensbildende Maßnahme. Auch wenn es nach 20 Jahren zwischen West und Ost noch keinen einheitlichen demokratischen Grundkonsens gibt, ist die Lage „nur in wenigen Gebieten besorgniserregend, aber sie ist nicht wirklich bedrohlich.“ Eine hoffnungsvolle Perspektive.

Text und Fotos: Dr. Claudia Schlembach


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