Datum: 17.3.2026 / 18:30 - 22:00 Uhr
Referent: Timo Mayer
Moderation: Maria Wildermuth
Teilnehmer: Mitglieder
Ort / Anfahrt: Virtual Identity AG, Lindwurmstraße 125, 80337 München

Timo Mayer von Virtual Identity zeigte gestern eindrucksvoll, warum klassische Personalisierung künftig nicht mehr ausreichen wird. Im Zentrum stand die These, dass digitale Erlebnisse künftig nicht nur auf Klicks und Datenpunkte reagieren, sondern Stimmungen, Kontexte und individuelle Bedürfnisse deutlich feiner interpretieren müssen.

Ausgehend von der Beobachtung, dass KI längst das Nutzerverhalten verändert, argumentierte Mayer, dass sich damit auch die Erwartungshaltung an Websites, Plattformen und digitale Services verschiebt. Konsumentinnen und Konsumenten erleben mit Tools wie ChatGPT bereits heute, wie individuell, dialogisch und kontextsensitiv digitale Interaktion sein kann. Daraus entsteht ein neuer Referenzrahmen: Wer als Marke weiterhin relevant bleiben will, muss digitale Touchpoints stärker an persönlichem Kontext, situativer Absicht und emotionaler Verfassung ausrichten.

Besonders anschaulich war der Perspektivwechsel vom Unternehmen hin zum Menschen. Mayer machte deutlich, dass viele Organisationen KI aktuell vor allem zur Beschleunigung bestehender Prozesse einsetzen – also denselben Content nur schneller produzieren. Der eigentliche Hebel liegt aus seiner Sicht jedoch an der Kundenschnittstelle: in Erlebnissen, die relevanter, adaptiver und dialogfähiger sind.

Spannend war auch die Diskussion rund um den Wandel der Customer Journey. Wenn Such- und Kaufprozesse zunehmend in KI-Assistenten, Zero-Click-Umgebungen und Conversational Interfaces stattfinden, verlieren Marken den direkten Kontakt zu ihren Zielgruppen. Umso wichtiger wird die Fähigkeit, Inhalte, Interfaces und Markenführung so zu gestalten, dass sie auch in diesen neuen Vermittlungsebenen wirksam bleiben.

Ein Höhepunkt des Abends war das Live-Experiment. Anhand eines LinkedIn-Profils wurde demonstriert, wie sich eine Landingpage auf Basis eines abgeleiteten Persönlichkeitsprofils anpassen lässt. Das Ergebnis war keine futuristische Spielerei, sondern ein greifbarer Prototyp dafür, wie personalisierte Markenkommunikation künftig subtiler und zugleich wirksamer werden könnte. Gerade diese praktische Demonstration machte das Konzept des „Empathic Web“ deutlich zugänglicher.

Gleichzeitig blieb der Vortrag erfreulich differenziert. Im Austausch mit dem Publikum wurden kritische Fragen zu Manipulation, Datenschutz, gesellschaftlicher Fragmentierung und dem Spannungsfeld zwischen Individualisierung und konsistenter Markenführung offen diskutiert. Genau das machte den Abend stark: nicht KI-Euphorie um ihrer selbst willen, sondern ein realistischer Blick auf Chancen, Grenzen und Konsequenzen.

Für mich war der Abend vor allem deshalb relevant, weil er einen strategischen Denkimpuls geliefert hat: Die Zukunft digitaler Markenführung entscheidet sich nicht nur an Automatisierung und Effizienz, sondern an der Qualität des Verstehens. Wer Nutzerinnen und Nutzer künftig wirklich erreichen will, muss mehr können als Inhalte ausspielen – nämlich Situationen, Motive und Bedürfnisse präziser antizipieren. „Empathic Web“ ist damit weniger ein Technologiebegriff als eine neue Erwartung an digitale Relevanz.

Wichtige Erkenntnisse für uns Marketingführungskräfte

  1. Personalisierung braucht ein Upgrade. Statische Segmente, Personas und Filter stoßen an Grenzen, wenn Nutzer durch KI hochindividuelle Interaktionen gewohnt sind.
  2. Die Kundenschnittstelle wird zum strategischen KI-Feld. Nicht nur interne Effizienz zählt, sondern die Frage, wie Marken digital relevanter und situationsbezogener werden.
  3. Zero-Click und AI Assistants verändern die Customer Journey. Marken verlieren direkte Kontaktpunkte und müssen ihre Sichtbarkeit sowie Relevanz in neuen Intermediären sichern.
  4. Emotion ist ein Business-Faktor. Kaufentscheidungen werden stark von dem Gefühl beeinflusst, verstanden und wertgeschätzt zu werden.
  5. Markenführung wird anspruchsvoller. Je stärker Inhalte individualisiert werden, desto wichtiger werden klare Markenwerte als verbindender Rahmen.

Persönliche Learnings

Mein zentrales Learning aus dem Abend: Die eigentliche Herausforderung für Marketing liegt nicht mehr nur darin, Inhalte zu personalisieren, sondern Relevanz in Echtzeit neu zu denken. Wenn KI zum alltäglichen Erwartungsmaßstab wird, müssen Marken ihre digitalen Erlebnisse stärker aus Nutzersicht konzipieren – nicht aus Prozesssicht.

Ebenso wichtig fand ich die These, dass Marken in einer KI-vermittelten Welt nicht automatisch an Bedeutung verlieren. Im Gegenteil: Je dynamischer und individueller Inhalte werden, desto wichtiger wird ein klarer Wertekern, der Orientierung gibt. Die Zukunft liegt vermutlich nicht in weniger Marke, sondern in einer Marke, die flexibel genug ist, sich situativ anzupassen, ohne beliebig zu werden.

Ganz herzlichen Dank an Franziska Schmetkamp von VI und unsere Maria Wildermuth für die Organisation.

Euer

Alex Wunschel

Informationen zum Referenten:

Timo Mayer ist Vorstand bei der Digitalagentur Virtual Identity und ein erfahrener Software- und Webentwicklungsexperte. Er spricht regelmäßig auf Konferenzen wie der OMR oder DMEXCO zu Web- und KI-Themen.

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